Deutsche Inkassorechtsreform als Chance

German-Inkassorechtsreform-is-an-opportunity
Blog

Deutsche Inkassorechtsreform als Chance

Die deutsche Bundesregierung hat per Gesetzentwurf die Reform des Inkassowesens in Deutschland auf den Weg gebracht. Bringen soll die Reform niedrigere Inkassokosten und höhere Transparenz für Verbraucher darüber, welche Folgen nicht rechtzeitige Zahlungen haben. Wichtige verbraucherrelevante Teile des Gesetzes treten zum 1. Oktober 2021 in Kraft.

Nachfolgend eine Übersicht über das deutsche Inkassorecht.

Die derzeit in Deutschland geltenden Inkassokosten sind im Verhältnis zur zugrundeliegenden Forderung meist zu hoch. Dieses Problem wird durch die Inkassorechtsreform beseitigt. Dies ist gerade auch angesichts der aktuellen Corona-Pandemie sehr wichtig, da viele Verbraucher unverschuldet in Zahlungsschwierigkeiten geraten könnten.

Der Gesetzentwurf zur Inkassorechtsreform sieht ein umfangreiches Maßnahmenpaket vor, um ein wirksameres und gerechteres Inkasso auszugestalten. Vorrangiges Ziel des Gesetzes ist die Senkung der derzeitigen Inkassokosten, insbesondere für geringere Forderungen und für unbestrittene Forderungen, die auf ein erstes Mahnschreiben hin beglichen werden. Zukünftig soll es zudem keinen Unterschied mehr machen, ob das Inkasso von einem Rechtsanwalt oder einem Inkassounternehmen ausgeführt wird.

Das Gesetz sorgt vor allem für Klarheit bezüglich der Gebühren. Davon profitieren die Verbraucher. Für Forderungen bis zu 500 Euro sinken die Inkassokosten von derzeit 50 Euro auf 22,50 Euro. Für Forderungen bis zu 1 000 Euro sollen künftig nur 40 Euro an Inkassokosten fällig werden. Unverändert bleiben die Inkassokosten für bestrittene Forderungen, da diese mehr Arbeit verursachen.

Neuerungen gelten auch bezüglich Mahnbescheide. Darin muss künftig etwa über die Möglichkeiten im Falle von Identitätsdiebstahl informiert werden. Zudem müssen Schuldner zukünftig vor dem Abschluss von Zahlungsvereinbarungen auf die dadurch entstehenden höheren Kosten hingewiesen werden.

Dies alles sind gute Neuigkeiten für die Verbraucher. Die Kürzung von Gebühren, die Grundlage des Geschäftsmodells von Inkassounternehmen sind, geht aber auch mit einigen Herausforderungen einher.

Dies bestätigt Daniela Straube, Mitgeschäftsführerin des Inkassodienstleisters Troy: „Die neue Gebührenordnung ist eine existenzielle Gefahr für weite Teile der traditionellen Inkassobranche. In den letzten Jahren hatte nahezu jede Branche mit einem andauernden Preiskampf zu tun. Die Inkassobranche hingegen durfte sich sehr lange über stabile und überaus angemessene Gebühren freuen.“

„Die neue Gebührenordnung ist eine existenzielle Gefahr für weite Teile der traditionellen Inkassobranche.“ – Daniela Straube, Mitgeschäftsführerin des Inkassodienstleisters Troy

Stabilität macht jedoch selbstgefällig. Deshalb sah man sich in der Branche wenig gefordert, das sich durch die Digitalisierung und die Automatisierung bietende Potenzial voll auszuschöpfen. „Dies innerhalb von wenigen Monaten aufzuholen, ist kaum möglich. Deshalb zeichnet sich ab, dass Inkassounternehmen ihre Kunden künftig in die Pflicht nehmen und am Ausgleich der entgangenen Gebühren beteiligen werden.“ Die Lösung? Nach Ansicht von Straube liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer besseren Kundenerfahrung beim Inkasso.

Vorbild Niederlande

Die geplanten Änderungen sind keine rein deutsche Erfindung. So gibt es etwa in den Niederlanden bereits seit 2012 ähnliche Regelungen. Mit dem niederländischen Inkassokostengesetz (Wet incassokosten) wurden u. a. feste Inkassogebühren sowie neue Standards für Zahlungsbedingungen eingeführt.

Wie haben niederländische Gläubiger und Inkassounternehmen auf diese rechtlichen Neuerungen reagiert?

In den Niederlanden versenden Gläubiger nun selbst per E-Mail oder Schreiben Zahlungserinnerungen. Schuldnern wird dabei die Möglichkeit gegeben, die Forderung ohne zusätzliche Kosten zu begleichen. Um Kundenverluste durch vorzeitige Vertragskündigungen zu vermeiden, optimierten die Gläubiger zudem ihr internes Inkassosystem (Mahnwesen).

Dadurch sank zunächst einmal die Abwanderung von Kunden, die Forderungen verspätet oder gar nicht beglichen. Die Kosten für klassische Zahlungserinnerungen per Schreiben und persönlichem Anruf waren für die Gläubiger jedoch noch immer zu hoch. Deshalb setzten sie zunehmend auf digitale Kommunikationskanäle wie E-Mail, SMS und Sprachnachrichten sowie auf ein breiteres Angebot an elektronischen Zahlungsoptionen.

Der Umstieg auf digitale Tools zahlte sich in zweifacher Hinsicht aus. Erstens konnten dank gesunkener Gemeinkosten die Kosten für das Inkasso über die höheren Effizienzen gedeckt werden. Zweitens verzeichneten die Gläubiger Zunahmen bei der Kundentreue und beim Kundenwert.

Auch niederländische Inkassounternehmen waren plötzlich mit Herausforderungen konfrontiert. Zunächst einmal sank die Zahl der Fälle, die Gläubiger an Inkassounternehmen abgaben. Verschärft wurde die Situation dadurch, dass die Inkassounternehmen niedrigere Konversionsraten verzeichneten. Grund dafür war, dass die Gläubiger die einfachen Fälle bereits selbst bearbeitet hatten. Da sich der Forderungseinzug bei den übrigen Fällen schwieriger gestaltete, sanken die Einnahmen der Inkassounternehmen.

Wie die Gläubiger setzten auch die Inkassounternehmen zugunsten von mehr Effizienz zunehmend auf Innovation. In der Praxis äußerte sich dies in der Digitalisierung ihres Mahnwesens und ihrer Schuldnerkommunikation. Digitale Kommunikationskanäle wie E-Mail, SMS und Sprachnachrichten verbreiteten sich rasant in der Branche.

Die Reaktion von Gläubigern und Inkassounternehmen auf die neuen Regelungen bescherten dem niederländischen Markt einen Innovationsschub. Zurzeit gibt es auf dem Markt einige sehr angesehene Dienste, die mit Blick auf jene KPIs, die Gläubigern und Inkassounternehmen am wichtigsten sind, sehr effektiv sind. Davon profitieren nicht zuletzt die Schuldner.

Weshalb ist die Inkassorechtsreform eine Chance?

In den Niederlanden haben Gläubiger und Inkassounternehmen gelernt, dass sich die Zusammenarbeit mit einem Fintech-Unternehmen bei der Bereitstellung digitaler Kommunikationsmittel geschäftlich durchaus lohnt.

Auf diese Weise haben sie nämlich Zugang zu neuesten (segmentierten) Workflows, einer großen Auswahl an digitalen Kommunikationsmitteln, verschiedenen elektronischen Zahlungsoptionen, Möglichkeiten zur Abwicklung von Zahlungsvereinbarungen sowie qualifiziertem, flexiblem Personal für das Anruf- und Kommunikationsmanagement.

Schnell wurde klar, dass die Digitalisierung ein wichtiger Schritt hin zu einem aus Kundensicht angenehmeren Kreditmanagement ist – und das bei gleichbleibenden Kosten. Tatsächlich zeigte sich, dass das Ergebnis für den Gläubiger immer höher ausfiel, wenn moderne Inkassounternehmen neue Technologien einsetzten. In allen Fällen konnten die Gläubiger die Kundenabwanderung um mindestens 50 % senken. Die Kosten für das Mahnwesen gingen sogar um 70 % zurück. Zugleich konnten sie die Kundenerfahrung und ihren NPS steigern.

In den Niederlanden gestaltete sich der Übergang zu den neuen Inkassoregelungen für Gläubiger und Inkassounternehmen zunächst holprig. Für diejenigen aber, die sich mit Fintech-Unternehmen zusammentaten, ist das Inkasso heute weder negativ noch kostenintensiv, sondern ein lukrativer Teil der Kundenerfahrung geworden.

Wer in Deutschland geschäftstätig ist, sollte guten Mutes sein. Verbraucherschutz ist gut. Je mehr Sie ihren Kunden entgegenkommen, desto mehr werden Sie mit Kundentreue und einer profitablen Kundenbeziehung belohnt.

 

Michael Martens
Vice President of Sales

E: [email protected]
M: +31 646228288